Teil 5: Und so kam es zu dieser Ehre… Teil 2

(Auszug aus meinem Buch «GRACIE JIU-JITSU UNLOCKED», erschienen 2021)

Die traurige Nachricht traf ein, mein Jiu-Jitsu-Lehrmeister und -Mentor war verstorben. Nach dem Tod von «Professor» Pedro fühlte ich mich sehr allein und verlassen.

Emotional konnte ich mich keinem anderen Lehrmeister mehr anschliessen. Ich hatte einen grossen Verlust erlitten. In São Paulo hatte ich lange mit einem wahren Grossmeister des authentischen Gracie Jiu-Jitsu wertvolle Zeit verbringen dürfen; einem aussergewöhnlichen Menschen, der mir geholfen hatte «das Ganze zu entschlüsseln». Nun war er nicht mehr da!

Zurück in Zürich fand ich mich öfters in Situationen, da wusste ich nicht, ob ich weiter trainieren und unterrichten oder einfach alles hinschmeissen sollte. Ohne meinen Mentor fehlte es mir oft an Kraft, Motivation und Inspiration. Hinzu kam, dass ich zu der Zeit auch zu meinem Bruder Demetrio nur sehr wenig Kontakt hatte. Dies gestaltete alles noch schwieriger. Denn schliesslich hatte auch diese Reise gemeinsam mit meinem Bruder Demetrio begonnen und genau jetzt fehlten mir zwei sehr wichtige Menschen in meinem Leben.

In São Paulo wusste jeder, dass Meister Pedro «der Verteidiger» des Gracie Jiu-Jitsu war, führte er doch seit den 50er Jahren seine eigene und unabhängige Schule. Er war zwar nicht der erste Jiu-Jitsu-Lehrer in São Paulo und war sich dessen auch bewusst, hatten doch knapp 50 Jahre zuvor einige der wichtigsten japanischen Meister dort schon ihre Dojos gegründet. Dennoch respektierten alle Meister Pedro und wussten, wie gut er war.

Hélio Gracie – Pedro Hemetério – Carlson Gracie

Er war kein Mann von vielen Worten, jedoch ein Mann von grossen Taten. Er arbeitete sehr hart daran, den Namen der Gracies in allen Ehren zu halten. Er war ein ausgesprochen intelligenter und respektvoller Schüler, ein grosses Vorbild für viele da draussen. Meiner Meinung nach verfügte er über ein sehr grosses Wissen in vielen Kampfdisziplinen, blieb dem Jiu-Jitsu jedoch stets treu und sehr eng verbunden.

Ich weiss noch, wie er mir von seinen Jiu-Jitsu-Freunde erzählt hatte. Dies motivierte mich in diesem schwierigen Moment erneut nach Brasilien zu reisen und mich auf die Suche der Menschen zu begeben, von denen ich so viel gehört hatte. Diese Reise ging quer durch ganz Brasilien, dem Land der tausend Farben, auf der Suche nach den letzten alten Meistern des Jiu-Jitsus.

Die Zeit hatte allerdings längst ihre Spuren hinterlassen und so waren viele von ihnen leider bereits verstorben. Oder sie waren sehr alt geworden und trugen ihre Kimonos nur noch, um ein paar Fotos zu machen.

Das Reisen, Erforschen und Zusammenkommen mit diesen so einfachen und edlen Menschen half mir jedoch, meinen Schmerz über Meister Pedros Tod zu verarbeiten.

Mit dieser Reise erhielt ich das schönste Geschenk und die einzigartige Chance in die Vergangenheit zu reisen… und ohne es jemals geplant zu haben, befand ich mich plötzlich auf den Fersen des grossen Mitsuyo Maeda und all der anderen japanischen Meister, die vor knapp hundert Jahren durch Südamerika gereist waren und sich hier und dort niedergelassen hatten.

Ivan Gomes – Hélio Gracie – Carlson Gracie (Vale Tudo)

Ich lernte die Geschichte des Jiu-Jitsus in Südamerika noch besser kennen. Bei jeder Rückkehr nach Hause wurde mir klar, wie grossartig diese Kunst ist und wie viel es noch heute zu erforschen und dazuzulernen gibt. Egal ob ich einem Gracie, Fadda, Cordeiro – oder wie auch immer diese Grössen heissen mögen – begegnete, meine persönliche Entdeckungsreise ging weiter.

Gleichzeitig wurde ein sehr enger Kern meiner Schüler in Zürich tatsächlich Teil eines Experiments, meine ganz persönliche «Study Group» des Brazilian Jiu-Jitsu. In meinem Labor, der VAMA, erlebte eine kleine Gruppe hautnah mein intensives und abwechslungsreiches Studium bei den grossen Meistern in Übersee. Ohne es zu wissen, halfen sie mir, dass «neue» Vacirca Brothers – Gracie Concepts zu entwickeln.

Es gab Zeiten, da trainierten wir viel aus dem Stand und dann kam wieder eine Phase, während der wir gezielt aus der Guard- oder Mount-Position übten. Dies hing jeweils direkt mit meiner aktuellen Forschungsreise zusammen, durch die ich nach und nach an die verschiedensten Interpretationen des Brazilian Jiu-Jitsu gelangte.

Die vielen Eindrücke und Lehrmeinungen regten mich immer wieder an, Neues auszuprobieren, ohne jedoch das Programm von Grossmeister Pedro Hemetério zu widersprechen.

Ich halte es für wichtig hervorzuheben, dass wir die Existenz, die Gründung und Entwicklung des Brazilian Jiu-Jitsus nicht nur einer oder zwei Familien zu verdanken haben. Tatsächlich fing es doch schon damit an, dass die japanischen Meister um 1900 lange Reisen in Kauf nahmen, um ihr wertvolles Wissen und Können in anderen Ländern zu verbreiten.

Ihre Schüler wiederum gaben diese Lehren weiter und gründeten neue Schulen, so dass daraus zahlreiche neue Generationen entstehen konnten. Dadurch erst kann man heute von einem «Brazilian Jiu-Jitsu» sprechen, das mittlerweile auf der ganzen Welt vertreten ist.

Wir sollten nie unsere Wurzeln vergessen! Diese Worte kriegt man in unserer Jiu-Jitsu-Community sehr häufig zu hören. Unsere Meister und Lehrer leisteten und leisten Unglaubliches, um das Jiu-Jitsu am Leben zu erhalten. Schon aus diesem Grund ist es wichtig, dass ihre unerschöpfliche Arbeit respektiert und anerkannt wird.

Weiter kann man in meinem Buch lesen ;o) hier der Link zum Buch >