Teil 2: Zum ersten Mal mit den Gracies auf dem Boden…

(Auszug aus meinem Buch «GRACIE JIU-JITSU UNLOCKED», erschienen 2021)

Es war, während jenes der genannten Workshops mit Paul Vunak für meine Trainingsgruppe, als wir zum ersten Mal die Kombination aus Jeet Kune Do und Gracie Jiu-Jitsu zu sehen bekamen. Er bat mich nach vorne, und zeigte mit mir eine Schlagabwehrkombination, zog dabei aber auch gleich meine beiden Beine weg, wodurch ich auf den Rücken fiel.

Anschliessend ging er in die «Mount» (setzte sich quasi auf meinen Bauch) und schlug von oben herab mit Kettenfauststössen auf mich ein, bis ich meine Arme hochhob, um mein Gesicht zu schützen.

Aber der Kampf war noch nicht beendet, Sifu Paul machte weiter! Er griff mein rechtes Handgelenk, drückte meinen Arm angewinkelt zu Boden und beendete erst damit den Kampf: mit einem Schulterhebel, was er «Americana» nannte.

Bei mir sprühten vor Freude Funken aus den Augen und ich konnte es nicht erwarten, mehr davon zu sehen. Sifu Paul erfüllte uns diesen Wunsch an diesem speziellen Abend natürlich – mit der ihm eigenen Lockerheit und Freude am Unterrichten. Er war nun mein neuer Held geworden und ich wusste, dass ich auch hier wieder einiges Neues (im Gracie Jiu-Jitsu) zu lernen hatte.

Kurz nach seinem Seminar in der Schweiz besuchte ich Sifu Paul wieder in Long Beach, um mehr über dieses «neue» Wissen in Erfahrung zu bringen. Dieser Besuch wiederum führte mich zu jemandem, der mein Leben gleich nochmals auf den Kopf stellen sollte. Denn auch wenn der Gründer des Jeet Kune Do, der legendäre Bruce Lee, sich mit Bodenkampf(1) (bzw. Grappling) befasst hatte, hatte ich diesem Bereich bis zu diesem Zeitpunkt keine grosse Aufmerksamkeit geschenkt.

Das sollte sich aber schlagartig ändern. Und zwar an dem Tag, als mich Paul Vunak nach einem Treffen bei ihm zum Training mit Rickson Gracie in Santa Monica einlud, um mit ihm an einer «Brazilian Jiu-Jitsu»-Klasse teilzunehmen.

Die einfache, familiäre und respektvolle Trainingsatmosphäre bei Meister Rickson motivierte mich gleich bei ihm zu trainieren. Natürlich war ich von seinem technischen Können beeindruckt, aber das war nicht der Hauptgrund bei ihm zu trainieren.

Für mich standen die Einfachheit der Techniken, sein unglaubliches Körpergefühl und die Finesse in den Details im Vordergrund. Es gab auch keine «japanischen» Wörter, die ich auswendig lernen musste und alles was er uns zeigte, schien mir nicht nur logisch, sondern auch hoch effizient.

Alles war anders, als was ich bis anhin gesehen hatte. Keine unnötigen Rituale, kein Sensei oder Sifu, und doch herrschte viel Respekt und Vertrauen! Ich kam aus dem Vollkontakt und so war das Sparring für mich normal. Am Gracie Jiu-Jitsu liebte ich aber, dass ich relativ hartes Sparring machen konnte, ohne mich ernsthaft zu verletzen.

Im Thaiboxen konnte ich nach einem harten Sparring teilweise ein oder zwei Tage nicht mehr richtig gehen. Im Gegensatz dazu ist man beim brasilianischen Jiu-Jitsu schon beim Üben der Techniken in engem Kontakt mit dem Trainingspartner und bekommt im «Randori» dann gleich die Möglichkeit, das Gelernte gegen einen Trainingspartner, der aktiven Widerstand leistet, umzusetzen – jedoch eben ohne sich zu verletzen und mit einem gemeinsamen Ziel, nämlich zu lernen.

Im Gracie Jiu-Jitsu lernte ich aber auch, wie man die Techniken langsam üben kann und muss, damit man sie kontinuierlich verbessern und besser verstehen kann.

Das nahe Üben am Mann bzw. Frau führte zu einer neuen Form des technischen und taktischen Verständnisses. In anderen Worten: wie jeder Anfänger setzte ich zu Beginn viel zu sehr auf Muskelkraft und musste erst lernen, mit Finesse an die Sache zu gehen und die Techniken geschmeidig zu machen.

Sehr bald besuchte ich nicht nur Meister Rickson, sondern auch Rorion Gracie – sein älterer Bruder, der gerade die neue Gracie Jiu-Jitsu Academy in Torrance, Los Angeles, eröffnet hatte. Damals konnte man noch zahlreiche Gracies und ihre Cousins, die Machados, noch gemeinsam auf der gleichen Matte treffen.

Meine Trainingsreisen wurden auch immer länger und trainiert wurde nicht nur einmal pro Tag, sondern mehrmals und mindestens eine Einheit davon war eine Privatstunde mit Rorion, Royce oder mit einem der Machado Brüder (Carlos, Rigan, oder John).

Sensei Yorinaka Nakamura

(1) Guro Dan Inosanto bekam Besuch aus Japan: einen jungen und sehr talentierten Mann namens Yorinaga Nakamura, der Shoot-Wrestling praktizierte. Anfang der 90er Jahre waren wir im Bereich Grappling noch ziemlich grün hinter den Ohren, doch mit den neuen Shoot-Wrestling-Trainingseinheiten von Meister Nakamura änderte sich das gesamte Bild.

An der VAMA trainierten wir damals keine Selbstverteidigungstechniken, wie man sie aus dem «klassischen» GJJ-Programm kennt, da dieser Ansatz längst überholt war. Aufgrund der JKD-(Jeet Kune Do)-Concepts-Philosophie dachte niemand mehr daran, dass diese Art, SV-Techniken zu üben, noch effizient und realistisch war.

Grandmaster Sensei Satoru Sayama

Shoot-Wrestling, das von Grossmeister Satoru Sayama, dem Gründer des «Super Tiger Gym» in Tokio, Japan, über sein Heimatland hinaus populär gemacht wurde, ist eine Mischung aus Wrestling, Judo, Jiu-Jitsu und Sambo. Durch Sensei Yorinaka, einen A-Kyu-Fighter und Topschüler von Sayama, gelangte diese Kampfkunst nicht nur in die USA, sondern auch zu uns nach Europa.

Um mehr über Shoot-Wrestling, Satoru Sayama und Yorinaka Nakamura zu erfahren, empfehle ich euch meinen Artikel, der im März 2021 erschienen ist. Hier der Link dazu: