(Auszug aus meinem Buch «GRACIE JIU-JITSU UNLOCKED», erschienen 2021)
Im Herbst 1986 lass ich in der Fachzeitschrift «Inside Karate» einen Artikel von Cliff Lenderman; einem in Osaka geborene Kampfkünstler, hatte in den USA bei Stephen K. Hayes Ninjutsu gelernt, trainierte nun bei Dan Inosanto, das Jeet Kune Do und Filipino Kali, sowie bei Ajarn Chai Sirisute das Muay Thai Boxen und kombinierte schliesslich diese Stile miteinander. Dieser Artikel und eine Seminaranzeige in der spanischen Kampfkunstzeitung «Cinturon Negro» brachten mich dazu, mehr über Guro Dan Inosanto in Erfahrung zu bringen und ihn bald selbst zu besuchen.

In den Sommerferien reisten wir regelmässig nach Spanien oder Italien, um unsere Grosseltern zu besuchen. Meine geliebte Mutter Angela stammt aus Madrid und da sie ihre Eltern nur alle zwei Jahre besuchen konnte, verbrachte ich bis zu meinem 16. Altersjahr unsere Sommerferien in der spanischen Hauptstadt bei meiner Grossmutter Maria.
Die Eltern meines Vaters Vito lebten hingegen in Sizilien und da er ein grosser Autofan war, verbrachten wir viele Stunden im Auto – jahrein jahraus tausende Kilometer – von Zürich nach Madrid oder von Zürich nach Sizilien. Diese Reisen dauerten damals mindestens zwei volle Tage und führten nicht nur über gute Autobahnstrassen. Oft übernachteten wir nach der Hälfte der Strecke in einem einfachen Motel.
Hie und da kam mein Vater noch auf die Idee an der Côte d‘Azur entlangzufahren und so fuhren wir auch schon mal von Madrid um das halbe Mittelmeer nach Siracusa und besuchten gleich beide Familien im selben Jahr.
Natürlich versuchte ich schon damals, meinen Enthusiasmus für die Kampfkünste mit diesen langen Reisen zu verbinden. So stiess ich auf genauso einer Reise eines Tages auf die erwähnte Anzeige von Sifu/Guro Dan Inosanto.
Es war also ein Inserat in einer spanischen Zeitschrift, die mich in Verbindung mit den ersten Jeet Kune Do und Filipino Kali-Eskrima Trainingsgruppen in Europa (Instituto Kali/Jun Fan, in Madrid) brachte.


So kam es auch, dass mein Bruder Demetrio und ich unter Dan Inosanto ersten spanischen Schüler José Maria Fraguas (Sifu Chema) zu trainieren begannen und uns intensiv in diesen beiden Disziplinen, sowie gleichzeitig bei Meister Surachai Sirisute im Muay Thai Boxen ausbilden liessen.
Ajarn Chai Sirisute hatte ich ebenfalls über Sifu Chema kennengelernt und so wie das Leben nun spielt, sollte er über all die kommenden Jahre eine sehr wichtige Figur für mich bleiben. Das Training in Madrid fand in seiner kleinen Privatschule statt.
Es war eine Gruppe von auserlesenen Schülern, die alle schon einen hohen Kampfkunst-Background mitbrachten. Viele von ihnen waren Schwarzgurtträger im amerikanischen (Ed Parker) Karate oder im Kajukenbo. Und so, war das Training in dieser Gruppe sehr hart, intensiv und lehrreich. Meister Dan Inosanto’s Wissen ist so gross, dass man vermutlich einige Male auf die Erde zurückkehren müsste, um alles von erlernen zu können. Was ich jedoch recht schnell von ihm lernte, war, die Prinzipien und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Kampfkünste, unabhängig von der Herkunft, zu erkennen, zu schätzen und sie zu meinen Gunsten zu nutzen.
Von der Übungsgruppe zur eigenen Academy…
Zu Beginn, im Herbst 1988 durften wir unsere Schüler als Untermieter im Fitness-Gym 41 in Glattbrugg-Zürich, und gleich danach bei meinem Kampfkunstkollegen Claude Winkler in Zürich-Oerlikon unterrichten. Das war praktisch die Geburtsstunde der Vacirca Academy of Martial Arts (VAMA) in einem Hof an der Binzmühlestrasse.
Dank der neuen Zusammenarbeit mit meinem Freund Claude konnten wir nun verschiedene Trainingsstunden anbieten und so gewannen wir auch an mehr Schülern. Das geschah etwa 1989, nachdem ich von einer Trainingsreisen aus Los Angeles zurückkehrte. Im gleichen Jahr besuchte uns auch erstmals Ajarn Chai Sirisute in Zürich.
Sein erstklassiges Thaiboxen und unglaubliches Charisma faszinierten mich von Anfang an. Das war für mich ausschlaggebend, um meine Ausbildung zum offiziellen Muay Thai-Trainer bei ihm zu absolvieren. Durch das harte und schweisstreibende Training unter seiner persönlichen Leitung wurden wir, mein Bruder Demetrio und ich, zu richtigen Muay Thai-Anhängern und in unserem Unterricht legten wir sehr grossen Wert auf diese einfachen und hocheffizienten Techniken. Dies ist selbst heute noch so!
Ajarn Chai und Sifu Chema hielten sich nie zurück, wenn sie uns die Pratzen hielten. Ich kann mich noch sehr gut an die Phase erinnern, als es hiess, wir würden bald die erste Trainer-Prüfung machen, die dann einem echten Kampf auch recht nahekam. Die Beine schmerzten von den Low-Kicks dermassen, dass ich weinen musste. Aber ich verstand, dass mich das, was ich gerade zu spüren und sehen bekam, nur stärker und besser machen würde. Es war eine persönliche Herausforderung, ein Kampf mit mir selbst.


Während dieser Zeit lernte ich viele Leute aus der Sicherheitsbranche kennen, wie Türsteher, Sicherheitsleute, Polizisten und Ausbilder. Diese spezielle Erfahrung habe ich speziell meinen beiden Freunden Remo Michel und Enrico Gargiulo zu verdanken.
Unser Jeet Kune Do-Training, zusammen mit Filipino Kali-Eskrima und dem Muay Thai Boxen von Ajarn Chai, schien uns das perfekte Unterrichtsprogramm zu sein. Und das ging nicht nur uns so!
In einer sehr kurzen Zeit hatten wir so viele neue Mitglieder gewonnen, dass schon bald die Trainingsstunden abends unter der Woche nicht ausreichten und wir auch an den Wochenenden und morgens auf dem Tatame standen.
Mit der Zeit besuchten uns auch in Zürich immer mehr Interessenten aus dem Ausland und schon bald leiteten wir zahlreiche Jeet Kune Do- und Filipino Kali-Seminare in Italien, Spanien, Deutschland, Griechenland und natürlich auch in der Schweiz.
Da zu Beginn eine grosse Anzahl der Schüler aus der Region Zug anreisten, gründeten wir eine Niederlassung in dieser Region. Während dieser Zeit (um 1991) lernte ich auch einige Topausbilder der Inosanto Academy in Santa Monica besser kennen.
Einige von ihnen hatten ihre eigene Schule und gehörten zur Armee oder Polizei. Diese ganze «neue» Welt fühlte sich für mich perfekt an und so entschied ich, mich definitiv und mit aller Kraft diesen Kampfkünsten zu widmen. Niemand hätte mich damals von meinem Weg abbringen können, nicht mal der Tod selbst.
Zu dieser Zeit lernte ich jemanden aus der ersten Generation von Schülern und Assistenten von Dan Inosanto kennen: Paul Vunak, Gründer des Progressive Fighting Systems (PFS), der gerade aus einem längerem Ausbildereinsatz bei den Navy Seals verbracht hatte.
Sifu Paul hatte nicht nur bei Inosanto gelernt, sondern war auch jahrelang mit ihm in der ganzen Welt für Seminare unterwegs gewesen. Sifu Vunak hatte auch zusammen mit der amerikanischen Firma «Panther Productions» gerade eine komplette JKD und Filipino Kali-Videoserie gedreht.
Wann immer möglich, nahm ich Privatstunden bei Sifu Paul. Mein Ziel war allerdings nicht unbedingt in der PFS-Familie gross Fuss zu fassen, das wollte schon der Rest der Welt. Für mich stand wieder das Lernen und Verstehen im Vordergrund, um das neue Wissen zuhause dann zu perfektionieren.
Als Sifu Paul nach Schottland für ein Seminar besuchte, musste ich natürlich dabei sein und wollte ihn, wenn irgendwie möglich auch bald zu uns in die Schweiz einladen.
Allein hätte ich das finanziell aber nie stemmen können und so erzählte ich von meiner Idee in meinem Kampfkunstfreundeskreis. Diese Idee wurde schnell gutgeheissen und so ging es nicht lange, bis Sifu Paul in der Schweiz erstmals auf unserer Matte stand.
-Franco Vacirca

